Das falsche Sims - Horbach Stiftung,Koeln 2026

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"Das falsche Sims"

Eine zunächst kühl erscheinende Atmosphäre empfängt die Besucher:innen. Doch diese Kühle ist nur die Oberfläche. Im Gehen, im Umkreisen, im Sich-Spiegeln entfaltet sich die immersive Wirkung der Ausstellung. Schimmernde Materialien werfen Bilder zurück, absorbieren Raum und Geschehen, verzerren Proportionen und Relationen. Der eigene Körper wird Teil des Systems, die Wahrnehmung gerät in Bewegung. Was eben noch Orientierung bot, verliert an Halt – als stünde man auf einem Sims, das sich als falsch erweist.

Im Zentrum dieser Erfahrung steht das Spannungsverhältnis von Kontrolle und Freiheit. Fragen, die längst unseren Alltag strukturieren, werden hier nicht beantwortet, sondern als offene Schleifen angelegt: Wie autonom sind wir noch? Wer oder was bestimmt unsere Gesellschaft? Und wie viel Selbstentmündigung leisten wir freiwillig – im Namen des Fortschritts? Kontrolle erscheint nicht mehr als äußere Instanz allein, sondern als etwas, das wir verinnerlichen, reproduzieren und mittragen.

 Dan Dryer arbeitet mit Materialien, die vertraut erscheinen und doch ihre Verlässlichkeit verlieren. Industrielle Produkte, technische Apparaturen, serielle Ordnungen lösen sich aus ihrem ursprünglichen Kontext. Sie erscheinen als fragile Setzungen, als Displays, als temporäre Zustände. Alles wirkt, als sei es Teil eines Prozesses, der nicht abgeschlossen ist – als könne sich das Gefüge jederzeit neu ordnen oder kippen.

Raster und Netze durchziehen die Ausstellung. Sie stützen, fangen auf, normieren, begrenzen – und bleiben zugleich durchlässig. Je nach Perspektive verdichten sie sich zu dichten Geflechten oder lösen sich wieder auf. Sie erinnern an digitale Grids, an architektonische Strukturen, an unsichtbare Ordnungen, die unseren Alltag strukturieren. Raster können Hilfsmittel sein. Sie können aber ebenso Käfige werden.

 Die Betrachter:innen bewegen sich durch dieses Gefüge wie durch ein System aus Spiegeln. Das eigene Abbild erscheint fragmentiert, vervielfältigt, verzerrt – wie einzelne Filmsequenzen, die nicht mehr zu einem kohärenten Bild zusammenfinden. Gleichzeitig saugen die Oberflächen den Raum auf, geben ihn gebrochen zurück. Man wird sich selbst gegenübergestellt und zugleich im System aufgelöst. Nähe, Distanz und Körperlichkeit geraten in ein instabiles Gleichgewicht.

Ein zentrales Motiv dieser Ausstellung ist der Verlust. Abrieb, Tilgung, Zensur und Störung begleiten jede Form der Übersetzung, der Vervielfältigung, der Wiederholung. Bedeutungen verschieben sich, Informationen werden reduziert, Zusammenhänge geraten in Vergessenheit. Doch dieser Verlust ist kein bloßes Verschwinden. Er setzt Transformationen in Gang. Wenn Begriffe gelöscht werden, verändern sich Bedeutungsmuster. Wenn Präzision schwindet, entsteht Raum für neue Lesarten. Der Fehler im System wird produktiv.

Diese Poetik der Störung zieht sich durch analoge wie digitale Prozesse. Kopien entfernen sich vom Ursprung, Filter verändern Aussagen, Systeme verselbstständigen sich. Mit jeder weiteren Übersetzung wächst die Distanz – und damit auch der Kontrollverlust. Der Fehler erzeugt grafische Muster, ästhetische Abweichungen, unerwartete Resonanzen. Das scheinbar Defizitäre entwickelt eine eigene Strahlkraft.

Dieser Kontrollverlust kann befreiend sein. Er unterbricht monotone Abläufe, öffnet Spielräume, lässt Poesie entstehen. Zugleich bleibt er bedrohlich. Denn was geschieht, wenn Maschinen beginnen, eigene Codes zu entwickeln? Wenn das, was wir als Störung lesen, längst eine neue Sprache ist, die wir nicht mehr verstehen? Der Zauberlehrling-Moment ist längst erreicht: Wir haben Systeme geschaffen, deren Dynamiken sich unserem Zugriff entziehen.

Wir liefern unsere Daten freiwillig an Clouds, aus denen keine göttliche Instanz spricht, sondern anonyme technokratische Strukturen. Wir knabbern gehorsam Cookies statt Oblaten und nennen es Selbstbestimmung. Zwischen Autonomie und Fremdbestimmung vollziehen sich kontinuierlich graduelle Verschiebungen, die immer schwerer zu unterscheiden sind.

 Der Titel Das falsche Sims verweist auf eine Kultur der Simulation. Wir bauen uns subjektive Realitäten, erschaffen Narrative, gestalten Lebensentwürfe. Doch bleibt die Frage, ob wir darin noch die Autor:innen sind – oder längst selbst die Sims, Puppen eines Systems, das uns lenkt. Das Rabbit Hole der Bilder, Daten und Simulationen zieht uns tiefer hinein, während Orientierung zunehmend brüchig wird.

 Zwischen versteckter Kontrolle durch Verführung zum Konsum und offener Überwachung verortet sich diese Ausstellung als Spiegel unserer Gegenwart. Sie liefert keine Antworten, sondern Situationen. Dan Dryer lässt das Material sprechen – in Störungen, Brüchen und poetischen Verschiebungen. Die Arbeiten ziehen an und beunruhigen zugleich. Sie versetzen uns in einen Zustand zwischen spielerischer Neugier, Ausgeliefertsein und dem Drang nach Selbstermächtigung.

Das falsche Sims ist kein tragendes Element. Es ist eine Schwelle. Wer sie übertritt, verliert festen Grund – und gewinnt zugleich einen Raum des Nachdenkens. Vielleicht liegt genau darin die produktive Kraft dieser Ausstellung.

Birgit Laskowski, Kuratorin - Update Cologne #9 ï»¿